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Ein Artikel von Christof Paar bei TUXAMOON


Eine kurze Biographie über Osensei (Großmeister) Shoshin Nagamine und die Entstehung von Matsubayashi Karate-Do



Shorin-Ryu entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts in Okinawa, einer Inselgruppe zwischen Japan und China, noch bevor Karate in Japan bekannt war. Wer genau Shorin-Ryu begründet hat ist unklar, obwohl Shorin-Ryu oft Sokon Matsumura (1792-1887) zugeschrieben wird. Sein Karate ist stark von chinesischen Shaolin Kampkünsten geprägt. Sokon Matsumura hatte ein Reihe bedeutender Schüler, unter anderem Chotoku Kyan, der im Dezember 1870 in Shuri auf Okinawa geboren wurde, und der die Entwicklung von Shorin-Ryu stark beeinflusst hat. Heute beinhaltet die Shorin-Ryu Familie viele Stile, unter anderem Kobayashi Shorin-Ryu (Shorinkan), Matsubayashi-Ryu, Matsumura Orthodox Shorin-Ryu (Matsumura Seito), Shobayashi sowie Sukunaihayashi-Ryu (Chotoku Kyan). Auch das in Japan in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandene und weltweit sehr weit verbreitete Shotokan Karate geht auf Shorin-Ryu zurück, obwohl sich Shotokan in eine andere Richtung entwickelt hat.

Die Kunst des auch von uns praktizierten Matsubayashi Karate-Do wurde 1947 von Großmeister (Osensei) Shoshin Nagamine (1907-1997) gegründet. Shoshin Nagamine wurde am 15. Juli 1907 in der Stadt Tomari auf Okinawa geboren. Gesundheitsprobleme bewegten ihn im Alter von 17 Jahren dazu Karate zu erlernen. Er begann sein Studium unter Leitung von Taro Shimabuku und später unter den berühmten Karatemeistern Ankichi Arakaki, Chotoku Kyan und Choki Motobu. Diese drei Meister wurden alle im 19. Jahrhundert geboren und haben Karate zum Teil noch als Geheimwissenschaft erlernt. Nach einer Zeit als Soldat im japanisch-chinesischen Krieg wurde Shoshin Nagamine nach seiner Rückkehr nach Okinawa Polizist. Von 1931 bis 1935 wurde er von Großmeister Chotoku Kyan unterrichtet, der sein Karate maßgeblich beeinflusste. Während einer Fortbildungsperiode an der Polizeiakademie in Tokyo im Jahr 1936 lernte er Choki Motubo kennen und hielt mit ihm auch nach der Rückkehr beider nach Okinawa Kontakt. Motubo galt als einer der stärksten Kumite (Freikampf) Experten auf Okinawa. Die kämpferischen Aspekte des Matsubayashi Stils sind stark durch den Einfluss Choki Motubos geprägt.

Im Jahr 1947 wurde Matsubayashi Ryu (Ryu = „Stil“) von Shoshin Nagamine gegründet. Der Name Matsubayashi wurde zu Ehren der beiden alten Großmeister Matsumura Sokon und Matsumora Kosaku gewählt. Matsubayashi bedeutet „Pinienwald“ (Matsu = „Pinie“ und Hayashi = „Wald“), was auch eine Anspielung auf die Shaolin-Herkunft (Shaolin = „kleiner Wald“, der in einem Pinienhain gelegen haben soll) des Okinawa Karates ist. Matsubayashi Ryu ist heute einer der Hauptrichtungen innerhalb des Shorin-Ryu Familie des Okinawa Karate und gilt als sehr ursprüngliche Form des Karates. Matsubayashi Ryu hat auf Okinawa, auf dem japanischen „Festland“ und in den USA viele Anhänger. Aus historischen Gründen gibt es in Europa momentan leider nur wenige Schulen, die Matsubayashi Ryu (oder andere Karatestile aus der Shorin-Ryu Familie) unterrichten.

Im Jahr 1953 gab Osensei Nagamine seinen Polizeiberuf auf und eröffnete in Naha auf Okinawa sein eigenes Dojo, welches er „Matsubayashi Ryu Karate Kodokan“ nannte. Nagamine war Gründer und Präsident der Okinawa Karate-Do Föderation. 1975 schrieb er das viel beachtete Buch „Essence of Okinawan Karate Do“, in dem sein Stil vorgestellt wird. Es ist das einzige englischsprachige Buch eines Okinawa-Karatemeisters aus der Vorkriegsgeneration. In seinen späteren Lebensjahren hat sich Shoshin Nagamine intensiv dem Zusammenspiel zwischen Karate und Zen gewidmet. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1997 gab er in Hawaii eine viel beachtet Rede „Karate Do and World Peace“.

Karate gelangte erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Okinawa nach Japan. Shoshin Nagamine war, wie die meisten anderen Karatemeister auf Okinawa, Zeit seines Lebens sehr kritisch gegenüber den Entwicklungen des Karate in Japan, welches später in den Westen importiert wurde. Er lehnte insbesondere den Freikampf (Kumite) des Wettkampfkarates ab.

Der Matsubayashi Stil wird heute von Osenseis Sohn, Soke Takayoshi Nagamine, im Heimat-Dojo in Okinawa weitergeführt.